«The Baby Killer» – wie ein Skandal die Regeln für Muttermilchersatzprodukte veränderte
- Martina Sommerauer
- 8. Sept.
- 2 Min. Lesezeit

In den 1970er-Jahren geriet Nestlé massiv in die Kritik: Das Unternehmen bewarb nämlich seine Muttermilchersatzprodukte aggressiv in Entwicklungsländern – mit verheerenden Folgen.
Mit kostenlosen Proben und geschickter Werbung wurden Mütter überzeugt, dass Flaschenmilch moderner, besser und hygienischer sei als Muttermilch. Zu den Werbemitteln gehörten unter anderem speziell geschulte «Milch-Schwestern». Diese vom Konzern angestellten Vertreterinnen trugen Krankenschwestern-Uniformen, um Vertrauen zu wecken – obwohl sie keine medizinische Ausbildung hatten.
Das Ergebnis war fatal: Die kostenlosen Proben reichten oft nur für die ersten Wochen – danach mussten die Familien teuer nachkaufen. Um Kosten zu sparen, wurde die Milch stark verdünnt. In Kombination mit verunreinigtem Wasser entstand eine oft tödliche Mischung aus Durchfallerkrankungen und schwerer Unterernährung. Die Kindersterblichkeit erhöhte sich demzufolge dramatisch.
Laut einer Studie der University of California, Berkeley, führte Nestlés Markteintritt in einigen Entwicklungsländern im Jahr 1981 zu schätzungsweise 212’000 zusätzlichen Todesfällen bei Säuglingen – vor allem dort, wo kein sauberes Trinkwasser vorhanden war. Über den Zeitraum von 1960 bis 2015 summieren sich die Opfer auf rund 10,9 Millionen (Quelle: VoxDev/UC Berkeley). 😭
1974 veröffentlichte die Organisation War on Want den Bericht «The Baby Killer» von Mike Muller. Der Vorwurf: Nestlés Marketing-Praktiken hätten direkt zum Tod unzähliger Kinder beigetragen. Der Bericht löste weltweite Empörung aus, Boykotte gegen Nestlé und schliesslich eine Klage.
Als Reaktion darauf entwickelte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1981 den Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten. Dieser verbietet Werbung für Säuglingsanfangsnahrung (Pre-Nahrung) und soll Mütter vor manipulativer Beeinflussung schützen.
Wichtig zu wissen: Der Kodex gilt nicht für Folgemilch. Und genau diese Lücke wird von der Industrie immer noch gezielt genutzt. Eltern wird suggeriert, dass ihr Baby ab einem bestimmten Alter eine spezielle Milch braucht, um satt zu werden oder ausreichend Nährstoffe zu bekommen. Das ist medizinisch jedoch gar nicht nötig. In Wahrheit reicht Anfangsmilch (Pre) vollkommen aus. Folgemilch ist vor allem eines: ein cleverer Marketingtrick.
Was meint ihr – sollten wir hier noch strengere Regeln haben, um Mütter und Babys zu schützen? Eigentlich wäre es konsequent, wenn auch Werbung für Folgemilch, Schnuller und Flaschen verboten würde.
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